„Ich habe den Atlantik überquert“

Kiki Kern: Bardame, Foto- und Filmausstatterin, Leseratte, Abenteuerin und undogmatische Kunstfreundin hat mit Freund und Skipper in vier Wochen den Atlantik überquert.

Ihre kurzen prägnanten Eindrücke in Form von Fragmenten hat sie, in der ihr typischen Schreibsprache, formuliert und dazu kleine Bilder produziert.

Sie lebt und arbeitet in Barcelona, Spanien.

hola!
alles schön und alles gut?


wir sind wieder angelandet
letzte woche dienstag kamen wir in barcelona bonita an
und wohnen jetzt gemeinsam in meiner humilden dachwohnung …
😉
ausser, dass carsten schon wieder losgezogen ist richtung
kanarische inseln
um sein motorrad dort abzuholen
und durch ganz andalusien wieder herzutouren

weiss auch nich wo der die kraft dazu hernimmt …
ich bin schon ziemlich schlapp jez nach
4 wochen hochsee und rückreisemovida
und arbeitssuche
und arbeitslosengeldbeantragungsstress (geiles wort was?)
und überhaupt
bin alt
hab letztens die erste augenfältchencreme meines lebens gekauft
(mit betonung auf gekauft statt geklaut…;-)
sauteuer das zeug …

ja!
das meer war wunderschön und auch schrecklich gemein
interessant und langweilig
meditativ und verzweifelt schmerzhaft
im grunde war da das ganze leben einmal drin in 4 wochen …
und ich bin NATÜERLICH seekrank geworden
und wie!

ich konnte meinem liebsten einen geschlagenen monat
nicht ins gesicht schauen
ohne 😉 mich übergeben zu müssen
die wahrheit ist
dass ich überhaupt nichts und niemanden länger
als maximal 5 sekunden fixieren konnte
ohne größeren schaden davonzutragen …
aus diesem grund gibts auch
kein tagebuch
keine souvenirs
und nur ein paar ganz wenige fotos aus der zeit der großen flaute
(ach! das war schöön!)
ausserdem waren wir eh die ganze zeit hässlich
und ungewaschen.
carsten mit vollbart schlimmer als in venezuela

und dann ich mit den (zu) langen haaren und der catalanischen
spiesserbrille …

aua. mochte mich garnich.
nagut. erstmal die schönen dinge aufzählen:
ein blau! ein blau wie ichs noch nie gesehen hab!
ich habs versucht zu fotografieren (bei flaute)

aber irgendwie triffts n foto auch nicht wirklich
dazu gehört einfach die weite des horizontes
und die sensation von 4000 metern tiefe …

wir sind auch mal ganz unseemännisch rein gesprungen ins überraschend
kühle nass
uiuiui!
ganz schön unheimlich das!
carsten schwamm ums boot
ich nich
ich angsthase

dann später delphine
die wurden auch irgendwann tatsächlich alltäglich
delphine?
aha. wie interessant.
wale
von denen man nur rücken und flosse sieht
wie sie majestetisch durchs wasser …
schöne haut ham die!
so glatt und schwarz glänzend
dann ein notfallkit!
eine rote boje und son gelber stecken der normalerweise am
rettungsring is …
… leer …
(wir haben allerdings auch nich angehalten um zu sehen
ob dadrunter vielleicht einer mit betonklötzen an den füßen hängt)
dann eine halbaufgelöste toastbrotscheibe
?!
dann ein stück holzplanke
und …
ein lederhut!
äh
… nein …
eine meeresschildkröte auf dem weg nach venezuela!
olé!
eine kleine aber sehr hübsche braune schildkröte
und das alles an einem tag

später dann nochmal ganz knapp eine öltonne verpasst
ungefähr 10 containerschiffe in 30 tagen am horizont ausgemacht
viel ins blaue gestarrt…
(schade hier fehlt ein film aber den kann ich dir mit dieser mail nich schicken lieber ilia der is nämlich zu dick)
und so getan als würd ich was denken
aber eigentlich passiert da draussen das gegenteil
es ist mehr geistentleerung
übrigens sehr angenehm
wenn man zwischendurch nur nich immer überbordkotzen müsste …
😉
ansonsten meist gegenwind
was zu unangenehmer schräglage
mit schrecklicher fliehkraft 24 stunden am tag geführt hat
(ich kann schon verstehen wenn die leute einfach über bord springen
wolln)

ich im bett
und konnte nichmal die augen aufmachen
habs einfach nichmehr auf deck geschafft
aber nach 4 tagen eingesehen
dass das ne einstellungsfrage ist
NICHT VERZWEIFELN
LACHEN
ja und die zustände waren wirklich fatal

das französische klo wegen schräglage nich zu spülen
das wetter fatal aber kein sturm
alle klamotten auffe linke seite
der eimer wandert von einem zum nächsten

alles hingeschmissen und runtergefallen
und alle bewegen sich wie vollspacken
die an der tischkante klebengeblieben sind …
hei!
eine freude!
was hab ich mich unfairerweise totgelacht
bei den kleinen flugversuchunfällen …
ich bin vom kartentisch abgehoben und in den herd geknallt

den ich so verbogen hab dass nix mehr war mit galvanisch kochen
carsten is auch manchmal ganz nett geflogen
(der is übrigens der einzige gewesen der nicht seekrank geworden ist
… und immer reis kochen musste für mich und den käptn
… arme krankenschwester … )

aber das größte war doch wie ich in rückenlage
an den herd geklammert
den küchen schrank aufgemacht hab
und mir wehrlos geschehenlassen musste
dass mir ein teller nach dem anderen
frontal in die fresse geflogen ist …
also wirklich!
an die 12 stück ;-)))

dann wars übrigens auch ziiiiemlich langweilig
30 tage 24 stunden
und alle 6 tage mal ein kleines manöverchen
und alle 2 tage 5 minuten delphine
hm
der englische kapitän war übrigens im zeitstress
der musste am 26. mai zuhause im fish & chips shop stehen
(sonst hätte ihn seine frau mit dem nudelholz … )
was leider bisschen genervt hat
(besonders carsten)
von wegen unsportlich
die flaute gehört zum segeln
und blabla

aber wir mussten dann natürlich auf den azoren zwischenlanden
wegen diesel tanken … 😉
und
wie wunderschöön und entspannend diese azoren!
(leider warn wir da nur 10 stunden biertrinken
bevors wieder in den nächsten abendsturm ging … )
und leider gibts von den azoren auch keine fotos
wegen batteriemangel
als fazit der reise auf jeden fall gültig:
meer is schöner mit land
genauso wie land schöner is mit meer

nach der anlandung in vilamoura/ portugal am 25. mai um 4:00h morgens
die größten ältesten und häßlichsten marina europas
randvoll mit weissen und roten engländern
hat sich der käptn schnellstens aus dem staub gemacht
zu seinen fischen und kartoffelscheibchen
während carsten und ich das boot geputzt
die wäsche gewaschen
und son kram gemacht haben
bevor wir uns mit 50 kg gepäck auf die reise gemacht haben
über faro
villa real de san antonio
ayamonte

huelva
sevilla
mit portmonnaieklau
und was weiss ich für movida
aber das ist eine andere geschichte
und besser is sowieso schnell vergessen
nach barcelona bonita

in der wohnung waren jede menge willkommensbriefchen
blumen und neuigkeiten
schöööön!
so ist das wenn man freunden schlüssel überlässt …

freu :-)!

jetzt bin ich schon wieder voll im alltag
ich streite mich mit den behörden
ich arbeite schon wieder in der bar
(obwohl ich doch mals was RICHTIGES arbeiten wollte … )
hab schon wieder kein geld mehr
seh aber wahnsinnig gut aus
😉
und freu mich auf alemania
wo ich am 19. juni aufzuschlagen gedenke!!!
bis denno
ganzo baldo!

Einen Kommentar schreiben