Fußball, EM 2012, Polen und Ukraine

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Polen und Ukraine sind Ausrichter der Fußball-Europameisterschaft 2012. Der Zuschlag gilt als eine „politisch-motivierte“ Wahl. Damit wird erstmals seit 1976 im damaligen Jugoslawien, wieder ein EM-Endturnier in Osteuropa ausgetragen und der Versuch unternommen, einen östlichen EU-Mitgliedsstaat und seinen Nachbarn zu fördern. Was sie von der WM 2006 bereits lernten ist, mit Glamour Punkte zu sammeln. Von Edv

Zwölf stimmberechtigte Mitglieder der Uefa (Union of European Football Associations, sprich europäischer Fußballverband) gaben in Cardiff, Wales, acht ihrer Stimmen Polen und der Ukraine, vier Italien und keine Kroatien und Ungarn. Damit konnte sich nach Belgien und den Niederlanden 2000, Österreich und der Schweiz 2008, wieder eine Kooperations-Bewerbung zweier Länder durchsetzen. Europa zeigt seine Größe. Die Präsidenten Polens und der Ukraine, Lech Kaczynski und Wiktor Juschtschenko, Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko der Ältere und Ersatz-Fußballer Jerzy Dudek und Andrej Schewtschenko hatten sich in Cardiff unter die Verbandsfunktionäre gemischt. Starrummel prägte die Delegation. So wie am 6. Juli 2000, als die deutsche Bewerberkommission für die WM 2006 unter Franz Beckenbauer, mit Bundeskanzler Gerhard Schröder, Fußballexperte Günther Netzer, Ex-Model Claudia Schiffer und Ex-Tennisprofi Boris Becker, Glamour unter biedere Funktionäre streuten. Es lohnte sich bekannterweise.

„Dieses EM-Turnier wird ein Meilenstein für uns sein“, meint Polens Fußball-Verbandspräsident Michal Listkiewicz laut spiegelonline, „wir haben es in Osteuropa verdient, dass so ein Ereignis mal zu uns kommt.“ Die Ost-Integration ist einer der Ziele der Uefa und auch das persönliche Anliegen ihres französischen Präsidenten und Ex-Fußballstar Michel Platini. In Polen sind als Spielorte Gdansk, Krakow, Warszawa, Wroclaw, Chorzow und Poznan, in der Ukraine Donezk, Kiew, Dnepropetrowsk und Lwiw geplant. Der Auf- und Ausbau dieser Stadien zu hochmodernen Spielstätten, über 4.700 km Autobahn, Modernisierung der wichtigsten Flughäfen, sowie 200 Hotels sind geplant. Das Budget für infrastrukturelle Investitionen wird mehrere vierstellige Millionen Euro betragen. Allein in Danzig will Bürgermeister Piotr Adamowicz, für den Bau der 40.000 Zuschauer fassenden Baltic Arena, 80 Millionen Euro bereitstellen. In Donezk arbeitet ein englisches Architekturbüro, das auch an der Allianz Arena in München beteiligt war, an einem 200 Millionen Stadion. Viertel- und Halbfinale sollen hier ausgetragen werden. Kulturschaffende Europas werden zudem hunderte Projekte für Polen und der Ukraine entwerfen, Marketingexperten ahnen Arbeit. Kulturaustausch wird „in“.

Während die neuen Ausrichter der EM 2012 in überglücklichen Gesten ihre Emotionen zeigten, brach Italiens Sportministerin Giovanna Melandri in Tränen aus und zusammen. Bis kurz vor der Bekanntgabe des Ergebnisses waren die Südeuropäer für den Zuschlag der große Favorit, aber sie liegen zur Zeit einfach nicht im Trend. Italien wäre aber nicht Italien, wenn Melandri als Gegenzug nicht schon, vom Boden der Tatsache aus, den „Sieg auf dem Spielfeld“ forderte.

Die aktuelle innenpolitische brisante Lage in der Ukraine war während der Entscheidungsfindung kein Thema, sie kann sich zwischen 2007 und 2012 ja wieder beruhigen. Die gut organisierten gewalttätigen Hooligans der Fußballszene in Polen auch nicht, bis zum Anstoß des ersten Spieles kann sich diese ja noch in Nichts auflösen. Das ökonomische Potenzial einer Fußball-Europameisterschaft ist verlockend, ob sportliche Akzente gesetzt werden können, erstmal nebensächlich. Den Zuschlag zur Ausrichtung der EM 2012 ist „politisch-motiviert“ zu deuten und die Wahl fiel trotzdem auf die Richtigen: drei Millionen Gäste werden voraussichtlich allein wegen diesem kommerziellen Großereignis nach Polen und Ukraine reisen, bestensfall 84 Millionen Einheimische sie willkommen heissen. Eine neue Völkerverständigung ist möglich.

Informationen über die Ausrichter der Fußball EM 2012:
Polen / Rzeczpospolita Polska
Ukraine / Ukrajina

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