Vom Schlafzimmer zur WM nach Finnland

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Die „German Air Guitar Federation“ organisierte im glamourösen Admiralspalast Berlin die 4. Deutsche Luftgitarrenmeisterschaft. Vor über 600 lautstarken Besuchern setzte sich, in einem spannenden Finale, ein ruhiger Außenseiter durch: das Brandenburger Urgestein „Schmitti“ überzeugte durch seine „Airness“ und ist Deutscher Meister 2007. Von edv

„Schmitti“ jobbt tagsüber im Städtischen Krankenhaus in Brandenburg an der Havel, nachmittags bis abends fährt er für eine Apotheke Medikamente aus. Immer mit dabei, seine Luftgitarre. Beim Brandenburgischen Luftgitarrenwettbewerb schaffte er unvorbereitet den Vize-Titel. Für die Deutsche Meisterschaft in Berlin hat ihn aber der Ergeiz gepackt. „Ich möchte nicht letzter werden“, sagt „Schmitti“ zwei Stunden vor dem Auftritt. Gitarrenlastige Musik hat er zusammen geschnitten und als Outfit „ein bisschen Kram, damit man hässlich aussieht“. “Schmitti“ hat sich allein vorbereitet, nur Freundin Wibke Broy und Melanie Duhn begleiten ihn zu diesem Abenteuer. „Geprobt hat er in meinem Schlafzimmer“, erzählt Wiebke, „ich hatte Angst, er zertrümmert mir die Einrichtung.“ Schmitti“ hat Pantomime im Blut, und wenn er tanzt, „spielt er Luftgitarre im Ansatz“. Auf seiner Playstation II ist „Gitarrenhero“ programmiert.

Für Friedericke van Meer, Präsidentin der „German Air Guitar Federation“ und Organisatorin des Spektakels, ist die Meisterschaft der „Höhepunkt der deutschen Luftgitarrengeschichte“. Alle haben sich durch einen Vorwettbewerb qualifiziert, die drei ersten Plätze aus dem Vorjahr sind dabei, „die Qualität steigt und das Publikum ist informierter“. Die Regeln dieser Kunst der Selbstdarstellung sind einfach: 1. die Luftgitarre muss man spüren („Airness“), 2. es gibt kein Dresscode, 3. es gibt Kür und Pflicht, 4. es wird, wie im Eiskunstlauf, zwischen 4,0 und 6,0 bepunktet.

Mit „Ralf“ dem Hessenmeister geht es los. In einer Minute gibt er alles, verscherbelt zum Schluss seine Luftgitarre, fällt scheintot um und Freunde ziehen ihn von der Bühne, der Admiralspalast tobt. Nach knalligem Kostüm von „Spidermonk“, dem Bayrischen Meister von 2006 und 2007, und „Drei Meter Aubergine“, mit lockerer Fingerfertigkeit, betritt „Schmitti“ das Rampenlicht. Leicht nervös ist er. Seine zusammen geschnittene musikalische Minute enthält vier Songfragmente, die durch harte Breaks getrennt werden. Michael Jackson darf kurz aufheulen, Chuck Berry spielt seinen Hit „Johnny be good“. Mit dem ersten Ton ist „Schmitti“ dabei, stülpt sich eine schwarze Perücke über, zerrt sie sich wieder vom Kopf, schaut kurz aus einer leicht getönten „Pornobrille“, springt zwei Meter in die Luft und steckt mit seiner Laune das Publikum an. Ob die anspruchsvolle Musikcollage ankommt? 5,6 – 5,8 – 5,9 lautet seine Punktzahl, Er übernimmt die Führung. Ob amtierender Deutscher Meister, Heart Buckboard, mit perfektem Sound und ausgefeilter Performance, Gewinner des online Contests 2007, Mr. 10.000 Voltz oder der sympathische Naturrocker „Helmchen“, keiner der Favoriten kommt an „Schmitti“ vorbei. Die Kür beendet er als Überraschungszweiter.

Auch die Jury zieht die Aufmerksamkeit auf sich, insbesondere Wolfgang Sinhart, Chef vom angesagten Berliner Club Restaurant „White Trash“ und Musiker. „Ich schaue auf die Luftgitarre“, sagt Sinhart, der durch die Vergabe von Niedrigpunkten auffällt, „ich versuche mir das Instrument vorzustellen und achte auf die Breaks, Gitarrensolos und Rhythmuswechsel.“ Sinhart bewertet die sogenannte „Airness“, die Lufttauglichkeit und läutet das große Favoritensterben ein. Für Fredericke van Meer ist die Punkteverteilung der Jury nicht nachvollziehbar, und lässt sich in der Pause zu einem emotionalen Ausbruch verleiten: „Für mich ist der Abend gelaufen.“

Dann kam die Pflicht. die Teilnehmer mussten zu einem, ihnen unbekannten, Gitarrentrack, noch einmal eine Minute die Luftgitarre auspacken. Die Besten kamen zum Schluss, Brandenburgs „Schmitti“ als vorletzter. In der Pause korrigierte er sein selbstgestecktes Ziel, „unter den ersten fünf wäre geil“, stellte aber auch fest: „Nach Oulu möchte ich eigentlich gar nicht“. Trotzdem zeigte er sich lockerer.

Ein harter Kampf um die Deutsche Meisterschaft beginnt, Titelverteidiger Buckboard zieht alle Register, Mc Geiler, in Mozartkostüm und einer der glücklichsten Menschen an diesem Abend („es ist unglaublich, in der Disko gucken die Leute einem beim Tanzen schräg an, hier jubeln sie einem zu“) punktet, Steiffen (beleidigt wegen geringer Punktzahl) wird wegen Passivität von der Jury mit 4,0 – 4,0 – 4,1 abgestraft und Vorrundenerster Dr. Schemelsky schwächelt. Dann kommt „Schmitti“. Kurzärmliges Hemd, dunkle abgeschnittene Cordhose, schwarze Leggins, weiße Socken. Und braunkarrierte Filzlatschen. Beim Betreten der Bühne zieht er die Hauspantoffeln ruhig aus, schiebt sie „schrebergartenordentlich“ ineinander, positioniert sich. Dann rockt er los, mit der ihm typischen „Airness“, rutscht auf den Knien, dreht sich, quetscht der Luftgitarre einzelne Töne heraus und findet einen herausragenden Abschluss. „Der neue Deutsche Meister in Luftgitarre 2007 heißt“, schreit Reverend Boogaloo ins Mikrofon, „Schmitti aus Brandenburg“. Die Sensation ist perfekt, Wibke, hält sich beide Hände vors Gesicht, sie weint vor Glück. ZDF, N24, N-TV, rbb und RTL stürzen sich auf den Gewinner. Fragen tauchen auf, ein Autogrammjäger hält seinen Stift bereit.

„Die zweite Runde war so ein bisschen mein Ding“, erzählt ein erschöpfter Deutscher Meister, „ein bisschen rockig, ein bisschen mit Variation.“ In der Hand hält er ein Gutschein, das Ticket zur berühmten Luftgitarrenweltmeisterschaft in Oulu, Finnland.

Photos © Kerstin Jasinszczak, e.mail: jasinszczak@gmx.net

Eine Reaktion zu “Vom Schlafzimmer zur WM nach Finnland”

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