Der Filz, mein Feind

Bei der 65. Berliner Tennis Stadtmeisterschaft der Senioren 60+ musste Peter Glückstein (Grunewald TC) gegen Nobert Walter (TC Nikolaussee, Rangliste 23) antreten. Der an Nummer 1 gesetzte Walter machte in 44 Minuten mit 6:1, 6:0 den erwarteten kurzen Prozess – auf dem Hauptplatz des BSV 92 Tennisclub Schmagendorf glückte Glückstein allerdings die bessere Show. Von Edv

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Heiliger Sonntag, Punkt 13:00Uhr, beide Kontrahenten stehen zum Aufwärmen auf dem Center-Court, drei bis vier lockere Bälle streichen über das Netz. Die Vorhand von Norbert Walter kommt gezielt und mit Schwung. Peter Glückstein zeigt seine Stärke in der Rückhand, die Vorderhand ist noch zögerlich. Sein Aluminium Schläger scheppert, seine Körperhaltung ist unkonventionell.

Bereits vor drei Tagen, auf dem szeneberühmten Donnerstags-Treffen in der Bar am Lützowplatz, machte sich Glückstein düstere Gedanken. „Ich habe Pech“, sagte er sich beim EM 2012 Viertelfinale zwischen Portugal und Kroatien in der Halbzeitpause, „melde ich mich mal zu einem Turnier, dann geht es gegen einen der besten Tennisspieler von Deutschland“. Dabei unterstrich er die internationale Erfahrung seines Gegners. Die hat er einfach nicht. Nicht auf roter Asche.

Graues Hemd, dunkelblaue Hose, weiße Socken und Schuhe gegen weißes Polo-Shirt, rote Hose, weiße Socken und Schuhe, wer erhofft hat bei der älteren Generation möglicherweise auf zeitgenössisches Vintage zu treffen sah sich schwer getäuscht. Kein Stirnband, kein Pulswärmer, keine Kniestrümpfe. Kein Vokuhila.

13:13 Uhr ergreift Glückstein die Initiative und fordert Spielanfang. Bei eigenem Aufschlag. Es sieht wie vorsichtiges Antasten aus, dreimal fliegt die gelbe Filzkugel über das Netz, zweimal landet sie draußen und einmal schafft sie es nicht über die Mittellinie. Nach einem Rückhand Longline-Return steht es 30:15. Walter wagt eine vernachlässigte Vorhand, die landet im Aus, Matchball Glückstein. Erster Aufschlag, Return, Netz, Spiel, 1:0. Riesenüberraschung für den Außenseiter. Davon träumte er ja, damals im Außenbereich der Lützowbar, in der Abenddämmerung, angelehnt an einem seiner Kühlschränke, bei einem Glas Himbeersaft. „Ich möchte nur ein Spiel gewinnen“, sagte er im weißen Neonlicht, „ein Spiel und nicht mehr“.

Nun hat er es, nach drei Minuten, und er kann nicht gehen.

Walter dreht ein wenig auf, Glückstein rennt den Bällen hinterher, die Ehrfurcht hat ihn gepackt, der Druck ist enorm. Zwischendurch gibt es die Perlen des Tennis, egal ob beim Amateur oder beim Profi: leichter Rückhand Crossschlag mit Effekt: der Ball senkt sich kurz nach dem Netz, Walter spurtet von der Grundlinie, bekommt den unmöglichen Ball: Rückhand, cross, Netzoberkante, drin isser. Applaus. Von den beiden Zuschauern.

Schneller als ne Weinflasche zu öffnen ist, kommt das 1:2, dann das 1:3, Glückstein schlägt auf und dreht sich zur Seite weg, der Ball aber war gut, der Gegner macht ihm Mut. Von der Grundlinie kommt wenig, keine Power. „Was soll ich machen“, fragt er sich. Vielleicht konzentrieren, ein wenig kämpfen? Nach 23 Minuten steht es 1:6. Neues Spiel, neues Glück.

Mit mehr Aggressivität geht es im zweiten Set zur Sache, aber die Fehlerquote bleibt hoch. Meist landet die Kugel im Netz, oder wird unerreichbar zurückgeschlagen. Glückstein macht den McEnroe, beißt in den Schläger, droht ihn auf den Boden zu werfen, schreit Nein und flucht. Den Damen auf der Terrasse des Vereinshauses in Schmagendorf schüttelt es den Filterkaffee aus der Hand, sie rollen verzückt ihre geschminkten Augen. Stühle werden Richtung zentralen Aschenplatz gedreht, die Röcke glatt gezogen, es wird getuschelt. Ein Tiger in Schmagendorf? Der Funke springt über das Vereinsgelände, plötzlich ist Nein, Mist und Scheiße von den Plätzen 6, 7 und 8 zu hören. Auf Platz 1 und 2 ist gerade tote Hose. Doch die Filzkugel bleibt Glücksteins Feind. Er wählt die richtige Taktik, aber die Technik versagt. Es fängt zu nieseln an, die Winde drehen, Walter schmunzelt und bleibt auf Erfolgskurs.

Jetzt wird jeder Ball kommentiert, „sehr schön gespielt, nur rein kommen muss er“, „schau länger auf den Ball“, „ah, gut gemacht, aber ins Spielfeld muss er“, „gut gemacht, nur Pech gehabt“. Das Match wird zum Freundschaftsspiel.

Matchpoint Walter. Sein erster Aufschlag geht ins Netz, der zweite wird von Glückstein ins selbige gedroschen. Nach 44 Minuten endet das Spiel 1:6, 0:6.

Mehr Informationen unter:
Tennis Verband Berlin Brandenburg
John McMonroe
Bar am Lützowplatz

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