Die chronische Täuschung des gemeinen DDR Bürgers

Zeichnung von "Auge" Lorenz

Pepe ist das Alter Ego des Autors Peter Auge Lorenz. Im wahren Leben leitet dieser die Comicbibliothek „Renate“ in der Tucholskystrasse in Berlin. In seinem neuen Comic „Das Land, das es nicht gibt“ führt er uns anekdotisch durch einige Episoden seines Lebens. Dieses ist angesichts greifender DDR-Fänge stets etwas limitiert, was ihn jedoch nur umso mehr anspornt, sich eigene Freiräume und ein autonomes Denken zuzulegen. Eine Comicrezension von Anni Heuchel

„Die halten Bukowski für einen Kosmonauten und das `Kursbuch ́ wird von der Reichsbahn rausgegeben“, urteilt Protagonist „Pepe“ nach der Wende über seine Landsmänner aus dem Land, das es nicht mehr gibt – der Deutschen Demokratischen Republik. Sofort ist klar: Der Comic, dem wir uns hier widmen, erzählt keine gewohnte Superheldengeschichte. Er ist eine humoristische Abhandlung über Freundschaft, Kindheit und Militär; im Leben eines DDR- Bürgers.
Wir lernen Pepe als kleinen Jungen kennen, der mit einem Freund Kriegsepisoden des Großvaters nachspielt. Mit auf Backpulver und Wasser basierenden „Chemiewaffen“ wird der fiktive russische Feind aus dem heimischen Keller gebombt. Das Laborieren mit derlei gefährlichem Sprenggut ist folgenreich: Schürfwunden zieren Kinderbeine, ein Opa mit Kriegstrauma wird verschreckt und Mutti meckert.

Vielleicht ist dies nur eine einfache Kindheitsanekdote, vielleicht ist es aber der Versuch aufzuzeigen, wie wahre Kriegsbewältigung in der DDR häufig unter einer Sozialismus-Decke erstickt wurde; wie die Verdrossenheit gegenüber Aufklärung dazu führte, dass spielende Kinder in völliger Unwissenheit Kriegsepisoden nachspielten über deren tatsächliches Ausmaß sie nichts wussten.

Doch politische Unwissenheit beschränkt sich für den DDR Bürger nicht auf die Kindheit. Als Pepe – nun bereits Jugendlicher – in einem Café sitzt, überwacht er zufällig den Suizidversuch eines russischen Deserteurs, er versteht zunächst nichts; er glotzt. Wissende Tischnachbarn klären ihn und seinen Freund barsch über die Art des Geschehnisses auf. In den Medien gibt es über diesen Vorfall eine kurze Meldung. Auch hier lässt Peter Auge Lorenz offen, ob er uns lediglich eine tragische Geschichte erzählt, oder ob hier eine Metapher dargebracht wird, die verdeutlicht, wie Informationsunterschlagung und Lüge das Bewusstsein und Erkenntnisvermögen des DDR Bürgers verunglimpften.
Denn erst Jahre später sollten wir tatsächlich erfahren, dass Misshandlungen in den sowjetischen Kasernen Ostdeutschlands an der Tagesordnung waren. Eine unerbittliche Hackordnung machte es vor allem Rekruten aus dem Baltikum unmöglich ein Leben ohne körperliche Gewalt zu führen. Über die Jahre wagten einige Hundert von ihnen den Fluchtversuch. Meist vergeblich. Auch Mindijan Aubakirow – so der Name des jungen Opfers – sieht die Unmöglichkeit des Gelingens eines Fluchtversuches ein und schießt sich in die Brust; nachdem er sich bereits bis in die Stadtmitte Berlins vorgekämpft hatte.

Der Protagonist Pepe nimmt uns im Folgenden mit auf eine Reise durch seinen „Dienst bei der Asche“ – der Nationalen Volksarme. Auch hier wird deutlich wie staatliche Maßnahmen den Menschen in einen regimefreundlichen Rahmen zwängen können. Will sich am Ende des Heftes noch einmal des Inhaltes erinnert werden, wird festgestellt, dass es vorrangig die Anekdoten – und nicht die Bilder – sind, die im Gedächtnis bleiben. Der schlichte und kursorische Zeichenstil Auges ist nicht mehr und nicht weniger als die Illustration der eigentlich autonom stehenden Geschichte. Weil der Zeichner es aber meisterhaft versteht mithilfe weniger, jedoch gezielt gesetzter Striche, Gesten und Ausdrücke hochgradig authentisch darzustellen, lohnt es sich, den Blick etwas länger auf den meist monochrom „bekritzelten“ Seiten ruhen zu lassen.

Im Heft wird gar nicht allzu konkret über die DDR und ihre Grenzen reflektiert. Viel mehr wird uns über arglose NVA Soldaten und deren Einbettung in ein irrational rohes System, die Enge des Ostens, beigebracht und so muss nicht ausgesprochen werden, was doch offensichtlich ist.
Während der Plot in seiner Tragik zum Nachdenken anregt, bringen uns detaillierte Skizzen einer Katschischlinge oder eine Anleitung zu einer Backpulverbombe eher zum Schmunzeln. Und weil es diese Schmunzler in zahlreichen Ausführungen und verschiedensten Sinneszusammenhängen gibt, erdrückt uns die politische Last des Inhaltes nicht. Das macht das Heft auch zu einem vortrefflichen Aufklärungswerk. Man darf Eltern empfehlen es mit ihren jugendlichen Kindern zu lesen, oder es allein zu studieren, um sich zu erinnern – an das Land, das es nicht gibt.

„Das Land, das es nicht gibt. Heft 1: Die Militär-Ausgabe.“ von Peter Auge Lorenz, erschienen im Jaja Verlag

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