Interview mit Peter Auge Lorenz

Zum Erscheinen seiner Veröffentlichung „Das Land, das es nicht gibt“, ein Interview mit dem Berliner Comiczeichner und Comic-Bibliothekenbetreiber Peter Auge Lorenz. Fragen von Anni Heuchel

AH: Herr Lorenz, in Ihrem aktuellen Werk „Das Land, das es nicht gibt“ lernen wir Pepe kennen. Er ist ein „normaler“ DDR Bürger, der als Kind Kriegsepisoden des Großvaters nachspielt und in der Jugend missmutig bei „der Asche dient“. Würden Sie sagen, Pepe ist ein freier Mensch?

PAL: Pepe ist nicht freier oder unfreier als jeder andere Durchschnitsmensch. Die Spielräume die er hat nutzt er, bei der Frage der Wehrpflicht hatte er halt etwas weniger Spielräume als sie heute diesbezüglich bei uns üblich sind. Er ist in seiner Welt mitten drin und leistet sich die in dieser Welt möglichen und üblichen Gedanken.

AH: Aus vielen Ihrer Comics, besonders aus der aktuellen Reihe „Das Land das es nicht gibt“, aber auch aus Kurzcomics wie „Sven und Luzie“ lernen wir viel über die ehemalige DDR und ihre militärische Praxis. Inwiefern finden Sie es heute noch relevant über Ost-Westdifferenzen und DDR im Allgemeinen aufzuklären?

PAL: Wir sollten alle unsere Geschichten erzählen um einander besser zu verstehen, um unsere Herkunft und Erfahrungen auszutauschen. Mehr mache ich ja eigentlich auch nicht. Und soviel wie ich in den letzten Jahren über „das Wunder von Bern“, den Radikalenerlaß, die 68er, die Neue Deutsche Welle, das „Wirtschaftswunder“ und „Generation Golf“ gelernt habe, als komplett würde ich mein Wissen über die Westdeutschen Brüder und Schwestern nicht bezeichnen. Umgekehrt ist es wohl genauso. Und Geschichten erzählen ist glaube ich die beste Art einender kennzulernen, jedenfalls viiiel besser als wenn wir im Geschichtsuntericht noch jeweils 10 wichtige Ereignisse ausgewählt bekommen die die Schüler nun auswendig lernen müssen.

AH: In Ihren Heften gibt es keine Superhelden in vertrauter Comicmanier. Ihre Protagonisten sind Figuren des Alltags, solche die auch mal einen Fehler machen. Was reizt Sie so besonders an den Inhalten des Alltäglichen? Und was hält Sie vom Superhelden fern?

PAL: Bei Hemingway heißt es in „Ein Fest fürs Leben“ ungefähr: Schreibe nur über Dinge wo Du Dich auskennst. Superhelden hingegen sind eine Methode wie man sich über diese Dinge erheben kann. Ich muß Probleme nicht zu Fuß und auf der Erde lösen. Und in den alltäglichen Dingen begenet mir genug, was immer noch nicht gelöst ist.

AH: Träfen `Pepe´ und Spiderman heute aufeinander, worüber würden sie wohl reden?

PAL: Ich glaube sie kämen aus zu verschiedenen Welten. Miteinander reden würden glaube ich Peter Parker und Pepe, ein wenig sind sie sich ja ähnlich. Wenn sie beide nicht zu schüchtern sind …

AH: In vielen Heften geben Sie zu verstehen, dass es sich um Geschichten handelt, die Ihnen tatsächlich so passiert sind, also durchaus autobiografischen Charakter haben. Gab es da schon einmal Ärger? Z.B. als Sie Alex als schwul outeten oder ihren Sohn der Militärspielzeug-Liebhaberei bezichtigten?

PAL: Bis jetzt habe ich noch nie Ärger bekommen, das sind ja auch Stories und keine Berichte.

AH: Als ich das erste Mal in der Renate stand (Ihrer Comicbibliothek + Laden), da habe ich das als ziemlich magischen Ort empfunden. So, als ob sich da Jemand einen Kindheitstraum erfüllt hätte. Entspricht das der Wahrheit?

PAL: Als Kind wollte ich Direktor eines Heimatmuseums auf einer alten Burg sein. Aber zum dazugehörigen Studium wurde ich nicht zugelassen. Da kam die Gründung der Renate-Gruppe ganz recht zusammen mit der Praxis, die Ostler in phantasievolle ABM zu stecken …

AH: Nachdem die Tucholskystrasse nun auch das C/O als kreative Hochburg verloren hat und – im negativsten Sinne – zunehmends veredelt, ist Ihre Comicbibliothek in Zukunft ja vielleicht so etwas wie eine Oase in der Gentrifizierungswüste „Mitte“. Macht Ihnen das manchmal Angst oder ist dieser Umstand als Chance zu verstehen?

PAL: Verglichen mit der Situation vor 10 Jahren haben sich unsere Besucher geändert. Weniger Alternativtouristen kommen zu uns und mehr kunstinteressierte Touristen. Die haben auch mehr Geld so dass es leichter ist die Renate zu finanzieren. Solange unsere Bibliotheksmitglieder die „Reise“ von Wedding, Neukölln oder Kreuzberg auf sich nehmen verzweifeln wir nicht.

AH: Ihr Zeichenstil ist ja eine recht flüchtige, kursorische Art die Dinge darzustellen. Ist das eine Antwort auf die sonst so durchästhetisierte Comicwelt oder einfach nur ihr Geschmack?

PAL: In den 90er Jahren waren Art-Comics oder Comic-Kunst das Maß aller Dinge in der Comicwelt. Ich habe mir sehr viel Mühe gegeben, auch einen Avantgardistischen Stil zu entwickeln der zu dem von Atak, CX Huth oder Anke Feuchtenberger passt. Das ist mir nicht so gut gelungen, ich habe viel Zeit gebraucht und das Ergebnis war verkrampft und maniristisch. Bei der Renate Nr. 14 Thema „Arbeit“ war ich gerade zweifacher Vater und hatte einen großen Teil der Kinderbetreuung übernommen. Ich habe meinen Ärger über die Arbeit eines Elternteils und die nicht vorhandene Anerkennung in kurzer Zeit aufgemalt, ohne an stylische Abitionen zu denken. So ähnlich zeichne ich heute immer noch. Ich hatte also gefunden als ich aufgehört habe zu suchen …

AH: Kann der Comic die Welt verändern? Und soll er das?

PAL: Ein Comic kann die Welt nicht verändern, aber vielleicht unseren Blick auf uns, auf die Welt, auf das Leben klarer machen, so dass wir vielleicht doch etwas verändern.

AH: Als man den großen Comic Gott Stan Lee fragte, wie er zum Comic kam, sagte er „Aus Versehen. Eigentlich wollte ich ein richtiger Schriftsteller werden.“ Gibt es für Sie da auch einen Unterschied – vielleicht sogar einen Qualitätsunterschied, zwischen Schriftsteller und Comiczeichner?

PAL: Wenn mich jemand fragt was ich bin sage ich „Autor“. Ich schreibe Texte für meine Band, mache Comics, schaffe Geschichten, die es vorher nicht gab. Schriftsteller und Comiczeichner sind Autoren deren Werke gedruckt werden. Ansonsten sind die Methoden völlig andere.

AH: Zum Schluss noch eine Grundsatzfrage: Was ist Ihnen wichtiger: Bild oder Schrift?

PAL: Was ist dem Schriftsteller wichtiger: Verb oder Substantiv?

AH: Vielen Dank für das Interview.

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