Ein Schnitzel, oder der heißeste Tag des Jahres

Juni 2014, ein heißer Sommer. Wasser, Hängematte, Schatten, Nixtun. Die halbverwaiste großstädtische Indoor-Gastronomie träumte davon. Für eine erste Restaurantkritik ging es ins Neffes, die damit werben sich „vom hauseigenen Geschmack ihrer internationalen Speisen und Getränken zu überzeugen“. Für den C4 Blog genau das Richtige, einen knallharten Hund von der Leine zu lassen. Geschrieben von Thomas Götz von Aust

Einen Restaurantkritiker stellte ich mir so vor, in der Manier eines durchgeknallten Louis de Funes-Films, wo ein gefürchteter Kritiker mit angeklebten Bart ein Restaurant betritt, er aber seiner Tarnung erkannt und am Ende bei einer Weinverkostung über kulinarische Schlampigkeit siegt.

Aber nein. Da ich mein eigener professioneller Restaurantkritiker bin, verzichtete ich auf eine Kostümierung. Und weil ich eben kein Profi bin, ging ich in meiner Speiseauswahl im „Neffes“ nach dem Kriterium „was kennst du am besten, weil bisher am häufigsten gegessen“, vor. Ansonsten war die Karte ein Mix aus Gegrilltem und Pasta, sowie einer Wochen- und Frühstückskarte.

Als Vorspeise entschied ich mich – es war der heißeste Tag 2014 mit einer abendlichen Temperatur von 32 Grad – für einen Caipirinha zur Happy Hour. Ich saß mit traumhaften Blick auf die vielbefahrene Potsdamer Straße und die gegenüberliegende Gerüstfassade; Auch im Biergarten hätte ich sitzen können, dieser sollte aber um 22:00 Uhr schließen. Mich stören Verkehr und Gerüste nicht.

Nach dem Cocktail-Klassiker drei weitere Klassiker zum Hauptgang: Weißer Spargel mit Bratkartoffeln und Wiener Schnitzel. Für erstaunliche 14,50 € ein richtiges Wiener Schnitzel aus Kalb. Die Küche hatte allerdings den Fehler begangen, das Fleisch nicht gleichmäßig zu klopfen, an der dicksten Stelle hatte es den doppelten Umfang der dünnsten. So war der erste Eindruck, da ich an einer dicken Stelle begonnen hatte zu essen, Zähigkeit. Ich wandte mich dem Spargel mit brauner Butter zu, zwei der vier Spargel waren holzig und faserig. Dann den Bratkartoffeln, die waren in ihrer Konsistenz nach kurz vor Kartoffelbrei. Der Pinot Grigio war gut gekühlt.

Zur Nachspeise wählte ich eine hausgemachte Tiramisu-Torte – eine cremige Köstlichkeit – mit einem Kaffee dazu. Keinen Gefallen tat sich allerdings die Bedienung, als sie mir sagte, dass es eine Roheizubereitung vorm Vortag war. Zum Abschluss entschied ich mich einen Parliament Wodka aus der umfangreichen Spirituosenkarte zu trinken, das die Barkraft eigenständig zu einem Barcadi-Mix geänderte hatte mit dem Zusatz, dies passe besser als Abschluss zum Tiramisu. Er hatte Recht. Es war der heißeste Tag des Jahres.

Kann ich sagen, dass dies ein versöhnlicher Abschluss war? Nein, da ich ja nicht mit dem Essen im Streit geschieden war. Was das eigentliche No go war, war, dass die angekündigte Happy Hour sich nicht auf den Bestellzeitpunkt bezog, sondern wie mir die Bedienung sagte auf den Bezahlzeitpunkt und so der Caipi voll zur Rechnung schlug. Der Unterschied machte zwar nur etwas mehr als zwei Euro aus, aber manchmal kann eben auch eine Kleinigkeit über Trinkgeld und gegen eine Empfehlung entscheiden.

Neffes
Potsdamer Str. 131
10783 Berlin
www.neffes-berlin.de

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