{"id":1300,"date":"2013-08-18T13:38:01","date_gmt":"2013-08-18T11:38:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cc4.de\/blog\/?p=1300"},"modified":"2013-10-28T17:20:18","modified_gmt":"2013-10-28T16:20:18","slug":"c4-001","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cc4.de\/blog\/2013\/08\/kultur\/c4-001","title":{"rendered":"Die chronische T\u00c3\u00a4uschung des gemeinen DDR B\u00c3\u00bcrgers"},"content":{"rendered":"<a href=\"http:\/\/www.cc4.de\/blog\/2013\/08\/kultur\/c4-001\/attachment\/ah-comic-rezenzion-auge\" rel=\"attachment wp-att-1306\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/ah-comic-rezenzion-auge.jpg\" alt=\"Zeichnung von &quot;Auge&quot; Lorenz\" title=\"Zeichnung von &quot;Auge&quot; Lorenz\" width=\"614\" height=\"630\" class=\"size-full wp-image-1306\" \/><\/a>\n<p><strong>Pepe ist das Alter Ego des Autors <a href=\"http:\/\/www.herr-lorenz.de\/\">Peter Auge Lorenz<\/a>. Im wahren Leben leitet dieser die Comicbibliothek \u00e2\u20ac\u017eRenate\u00e2\u20ac\u0153 in der Tucholskystrasse in Berlin. In seinem neuen Comic &#8222;Das Land, das es nicht gibt&#8220; f\u00c3\u00bchrt er uns anekdotisch durch einige Episoden seines Lebens. Dieses ist angesichts greifender DDR-F\u00c3\u00a4nge stets etwas limitiert, was ihn jedoch nur umso mehr anspornt, sich eigene Freir\u00c3\u00a4ume und ein autonomes Denken zuzulegen.<\/strong> <em>Eine Comicrezension von Anni Heuchel<\/em><\/p>\n<p>\u00e2\u20ac\u017eDie halten Bukowski f\u00c3\u00bcr einen Kosmonauten und das `Kursbuch \u00cc\u0081 wird von der Reichsbahn rausgegeben\u00e2\u20ac\u0153, urteilt Protagonist \u00e2\u20ac\u017ePepe\u00e2\u20ac\u0153 nach der Wende \u00c3\u00bcber seine Landsm\u00c3\u00a4nner aus dem Land, das es nicht mehr gibt &#8211; der Deutschen Demokratischen Republik. Sofort ist klar: Der Comic, dem wir uns hier widmen, erz\u00c3\u00a4hlt keine gewohnte Superheldengeschichte. Er ist eine humoristische Abhandlung \u00c3\u00bcber Freundschaft, Kindheit und Milit\u00c3\u00a4r; im Leben eines DDR- B\u00c3\u00bcrgers.<br \/>\nWir lernen Pepe als kleinen Jungen kennen, der mit einem Freund Kriegsepisoden des Gro\u00c3\u0178vaters nachspielt. Mit auf Backpulver und Wasser basierenden &#8222;Chemiewaffen&#8220; wird der fiktive russische Feind aus dem heimischen Keller gebombt. Das Laborieren mit derlei gef\u00c3\u00a4hrlichem Sprenggut ist folgenreich: Sch\u00c3\u00bcrfwunden zieren Kinderbeine, ein Opa mit Kriegstrauma wird verschreckt und Mutti meckert.\u00e2\u20ac\u00a8<!--more--><br \/>\nVielleicht ist dies nur eine einfache Kindheitsanekdote, vielleicht ist es aber der Versuch aufzuzeigen, wie wahre Kriegsbew\u00c3\u00a4ltigung in der DDR h\u00c3\u00a4ufig unter einer Sozialismus-Decke erstickt wurde; wie die Verdrossenheit gegen\u00c3\u00bcber Aufkl\u00c3\u00a4rung dazu f\u00c3\u00bchrte, dass spielende Kinder in v\u00c3\u00b6lliger Unwissenheit Kriegsepisoden nachspielten \u00c3\u00bcber deren tats\u00c3\u00a4chliches Ausma\u00c3\u0178 sie nichts wussten.\u00e2\u20ac\u00a8<br \/>\nDoch politische Unwissenheit beschr\u00c3\u00a4nkt sich f\u00c3\u00bcr den DDR B\u00c3\u00bcrger nicht auf die Kindheit. Als Pepe &#8211; nun bereits Jugendlicher &#8211; in einem Caf\u00c3\u00a9 sitzt, \u00c3\u00bcberwacht er zuf\u00c3\u00a4llig den Suizidversuch eines russischen Deserteurs, er versteht zun\u00c3\u00a4chst nichts; er glotzt. Wissende Tischnachbarn kl\u00c3\u00a4ren ihn und seinen Freund barsch \u00c3\u00bcber die Art des Geschehnisses auf. In den Medien gibt es \u00c3\u00bcber diesen Vorfall eine kurze Meldung. Auch hier l\u00c3\u00a4sst Peter Auge Lorenz offen, ob er uns lediglich eine tragische Geschichte erz\u00c3\u00a4hlt, oder ob hier eine Metapher dargebracht wird, die verdeutlicht, wie Informationsunterschlagung und L\u00c3\u00bcge das Bewusstsein und Erkenntnisverm\u00c3\u00b6gen des DDR B\u00c3\u00bcrgers verunglimpften.\u00e2\u20ac\u00a8Denn erst Jahre sp\u00c3\u00a4ter sollten wir tats\u00c3\u00a4chlich erfahren, dass Misshandlungen in den sowjetischen Kasernen Ostdeutschlands an der Tagesordnung waren. Eine unerbittliche Hackordnung machte es vor allem Rekruten aus dem Baltikum unm\u00c3\u00b6glich ein Leben ohne k\u00c3\u00b6rperliche Gewalt zu f\u00c3\u00bchren. \u00c3\u0153ber die Jahre wagten einige Hundert von ihnen den Fluchtversuch. Meist vergeblich. Auch Mindijan Aubakirow &#8211; so der Name des jungen Opfers &#8211; sieht die Unm\u00c3\u00b6glichkeit des Gelingens eines Fluchtversuches ein und schie\u00c3\u0178t sich in die Brust; nachdem er sich bereits bis in die Stadtmitte Berlins vorgek\u00c3\u00a4mpft hatte.\u00e2\u20ac\u00a8<br \/>\nDer Protagonist Pepe nimmt uns im Folgenden mit auf eine Reise durch seinen &#8222;Dienst bei der Asche&#8220; &#8211; der Nationalen Volksarme. Auch hier wird deutlich wie staatliche Ma\u00c3\u0178nahmen den Menschen in einen regimefreundlichen Rahmen zw\u00c3\u00a4ngen k\u00c3\u00b6nnen. Will sich am Ende des Heftes noch einmal des Inhaltes erinnert werden, wird festgestellt, dass es vorrangig die Anekdoten &#8211; und nicht die Bilder &#8211; sind, die im Ged\u00c3\u00a4chtnis bleiben. Der schlichte und kursorische Zeichenstil Auges ist nicht mehr und nicht weniger als die Illustration der eigentlich autonom stehenden Geschichte. Weil der Zeichner es aber meisterhaft versteht mithilfe weniger, jedoch gezielt gesetzter Striche, Gesten und Ausdr\u00c3\u00bccke hochgradig authentisch darzustellen, lohnt es sich, den Blick etwas l\u00c3\u00a4nger auf den meist monochrom &#8222;bekritzelten&#8220; Seiten ruhen zu lassen.\u00e2\u20ac\u00a8<br \/>\nIm Heft wird gar nicht allzu konkret \u00c3\u00bcber die DDR und ihre Grenzen reflektiert. Viel mehr wird uns \u00c3\u00bcber arglose NVA Soldaten und deren Einbettung in ein irrational rohes System, die Enge des Ostens, beigebracht und so muss nicht ausgesprochen werden, was doch offensichtlich ist.<br \/>\nW\u00c3\u00a4hrend der Plot in seiner Tragik zum Nachdenken anregt, bringen uns detaillierte Skizzen einer Katschischlinge oder eine Anleitung zu einer Backpulverbombe eher zum Schmunzeln. Und weil es diese Schmunzler in zahlreichen Ausf\u00c3\u00bchrungen und verschiedensten Sinneszusammenh\u00c3\u00a4ngen gibt, erdr\u00c3\u00bcckt uns die politische Last des Inhaltes nicht. Das macht das Heft auch zu einem vortrefflichen Aufkl\u00c3\u00a4rungswerk. Man darf Eltern empfehlen es mit ihren jugendlichen Kindern zu lesen, oder es allein zu studieren, um sich zu erinnern &#8211; an das Land, das es nicht gibt.<\/p>\n<p>&#8222;Das Land, das es nicht gibt. Heft 1: Die Milit\u00c3\u00a4r-Ausgabe.&#8220; von Peter Auge Lorenz, erschienen im <a href=\"http:\/\/www.jajaverlag.com\/\">Jaja Verlag<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pepe ist das Alter Ego des Autors Peter Auge Lorenz. 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