{"id":3408,"date":"2026-08-17T13:13:08","date_gmt":"2026-08-17T11:13:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.cc4.de\/blog\/?p=3408"},"modified":"2026-08-29T14:25:15","modified_gmt":"2026-08-29T12:25:15","slug":"vortrag-zur-wirkmacht-der-blumen-und-totenkoepfe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cc4.de\/blog\/2026\/08\/presse\/vortrag-zur-wirkmacht-der-blumen-und-totenkoepfe","title":{"rendered":"Vortrag zur Wirkmacht der Blumen und Totenk\u00f6pfe"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Meine Damen und Herren,<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Blumen und Totenk\u00f6pfe geh\u00f6ren seit der Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts zum festen ikonografischen Repertoire. Die Bl\u00fcte, im Moment ihrer gr\u00f6\u00dften Pracht bereits dem Verfall geweiht, und der Sch\u00e4del als unmittelbares memento mori bildeten ein Motivpaar, das die Endlichkeit in die Bildform zwang. Die Ausstellung mit Peter Schlangenbader \u00fcbernimmt dieses klassische Vokabular, verschiebt es aber programmatisch: In dieser Ausstellung \u201eIch und \u00dcberich, Wirkmacht mit Blumen und Totenk\u00f6pfen&#8220; tritt den beiden historischen Sinnbildern ein drittes, ebenso verg\u00e4ngliches Motiv zur Seite, das Ich selbst, in K\u00f6rper und Geist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Damit verl\u00e4sst Schlangenbader die klassische Konstellation, in der der Mensch dem Stillleben lediglich als Betrachter gegen\u00fcbersteht, und macht ihn zum dritten Gegenstand der Betrachtung. Der Ausstellungstitel zitiert un\u00fcbersehbar das Freud&#8217;sche Instanzenmodell Es, Ich, \u00dcberich. Bemerkenswert ist, was fehlt: Das Es, der Sitz des Triebhaften und Unbewussten, wird im Titel ausgespart. Diese Auslassung ist kaum als Zufall zu lesen. Sie verlagert das Triebhafte aus der begrifflichen Benennung in die Bildebene selbst, in die expressive Farbigkeit, die die Gestik der Pinself\u00fchrung, in die kompositorische Zuspitzung der Malerei. Was der Titel dem Diskurs entzieht, gibt die Leinwand zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ich-Ueberich-001-Vater-und-Sohn-web-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-3409\" style=\"width:528px;height:auto\" srcset=\"https:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ich-Ueberich-001-Vater-und-Sohn-web-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ich-Ueberich-001-Vater-und-Sohn-web-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ich-Ueberich-001-Vater-und-Sohn-web-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ich-Ueberich-001-Vater-und-Sohn-web-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.cc4.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Ich-Ueberich-001-Vater-und-Sohn-web-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Peter Schlangenbader, &#8222;Ich &amp; \u00dcberich (Vater und Sohn)&#8220;, \u00d6lfarbe auf Leinwand, 80 x 60 cm, 2026. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Hier setzt der Begriff der Wirkmacht an. In der kunstwissenschaftlichen Bildtheorie, Horst Bredekamps Konzept des Bildakts, wird dem Bild eine eigene Handlungsf\u00e4higkeit zugesprochen: Es wirkt nicht nur als Tr\u00e4ger einer Bedeutung, sondern greift unmittelbar auf den Betrachter \u00fcber, ruft eine leibliche, affektive Reaktion hervor, bevor die Deutung einsetzt. Aby Warburgs Begriff der Pathosformel beschreibt wie sich gesteigerte affektive Ausdruckshaltung in wiederkehrenden Bildformeln verdichtet und \u00fcber Epochen hinweg ihre Err egungskraft beh\u00e4lt. Hans Ulrich Gumbrechts Pr\u00e4senzeffekte benennen jene Qualit\u00e4t von Kunstwerken, unmittelbar, k\u00f6rperlich, vor jeder Interpretation zu wirken. Schlangenbaders Bilder operieren in genau diesem Register, sie ergreifen unmittelbar.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Diese Wirkmacht entsteht bei Schlangenbader aus einem spezifischen Widerspruch. Die Tradition ist ihrem Wesen nach memento-mori-haft, auf Ermahnung und Kontemplation der Verg\u00e4nglichkeit angelegt. Schlangenbaders expressionistische Farbigkeit unterl\u00e4uft diese Grundstimmung. Aus der Gleichzeitigkeit von Wirkmacht und Lebenslust, aus der Spannung zwischen dem Bildgegenstand und der Vitalit\u00e4t seiner Malerei, gewinnt das Werk seine Eindringlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Diese Position l\u00e4sst sich kunsthistorisch verorten. Peter Schlangenbader, 1953 in Berlin geboren, absolvierte zun\u00e4chst von 1972 bis 1975 eine Ausbildung zum Porzellanmaler an der K\u00f6niglichen Porzellan-Manufaktur Berlin, bevor er von 1976 bis 1982 an der Hochschule der K\u00fcnste, heute Universit\u00e4t der K\u00fcnste, freie Malerei studierte und bei Martin Engelman Meistersch\u00fcler wurde. Sein \u201eComing-Out&#8220; als Vertreter der Berliner Heftigen Malerei f\u00e4llt in die fr\u00fchen achtziger Jahre, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Szene der Neuen Wilden um Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Elvira Bach, Karl Horst H\u00f6dicke, Bernd Zimmer und Walter St\u00f6hrer, jener Gruppierung, die als letztes international rezipiertes Aush\u00e4ngeschild dieser Berliner Str\u00f6mung gelten kann. Der Kritiker Heinz Ohff bezeichnete Schlangenbader treffend als \u201ePunkmaler&#8220;, ein Begriff, der die unmittelbare, unakademische Direktheit seines Zugriffs auf die Leinwand benennt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Seit vier Jahrzehnten arbeitet Schlangenbader in Friedenau, im ehemaligen Wohnhaus des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff, eine biografische Koinzidenz, die sich als stille, aber nicht unpassende Kontinuit\u00e4tslinie zur expressionistischen Farbtradition lesen l\u00e4sst. Mit mehr als zweihundert Einzel- und Gruppenausstellungen seit 1979 z\u00e4hlt er zu den kontinuierlichsten Vertretern dieser Berliner Malerlinie, deren Grundhaltung, die kompromisslose, expressive Farbgebung, sich durch sein gesamtes Werk zieht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">\u201eIch und \u00dcberich&#8220; f\u00fchrt diese Haltung konsequent fort. Die Ausstellung versteht sich weniger als klassische Werkschau denn als Ort der Begegnung, ein Rahmen, in dem sich Betrachter und Bild im Sinne der beschriebenen Wirkmacht tats\u00e4chlich treffen, statt einander nur gegen\u00fcberzustehen. Blumen und Totenk\u00f6pfe, historisch eingerahmt, und das ebenso verg\u00e4ngliche Ich, ergeben zusammen keine Belehrung \u00fcber die Endlichkeit, sondern deren lebensbejahende Anschauung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Ich w\u00fcnsche Ihnen einen Abend, an dem die Bilder genau das tun, was ihnen hier zugeschrieben wird: dass sie uns ergreifen, ber\u00fchren, empowern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-medium-font-size wp-block-paragraph\">Vielen Dank.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Damen und Herren, Blumen und Totenk\u00f6pfe geh\u00f6ren seit der Stilllebenmalerei des 17. 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