Wolfgang Müller, „Punkmalerei“, aus Subkultur Westberlin 1979 – 1989, FUNDUS-BÜCHER, 2013.

Peter Schlangenbader, 1978, „Punkhouse“, Radierung, Auflage 2/10, Berlin.

Wolfgang Müller, unter Teil 3: Ästhetik der Absage, Punkmalerei.

Subkultur
Westberlin
1979 – 1989

FUNDUS-BÜCHER, Philo Fine Arts, Seite 379 – 382, Hamburg, 2013.

Punkmalerei
Ein einsamer Versuch, Phänomene der Post-Punk-Szene in die hochkulturelle Kunst
einzusortieren, findet sich im Tagesspiegel vom 7. Februar 1980. Der Kunstkritiker Heinz
Ohff, ein begeisterter Anhänger der Jungen Wilden, präsentiert den Maler Peter Schmidt,
den „Engelmann-Schüler an der hiesigen Hochschule der Künste“. Er sei, so Ohff,
Westberlins „erster Punk-Maler, der an die Öffentlichkeit tritt“. Peter Schmidt stelle in
„erregt kolorierten Zeichnungen Typen der neuen Underground-Szene dar, kurze Haare,
bunt eingefärbt, Lederkleidung mit Kettendrapierung, grimmiger Blick.“
Der Kritiker verpflanzt den „Punk-Maler“ in die Tradition von Lüpertz, Baselitz und
Höckelmann. Diese, so Ohff, hätten dessen Absichten „in einer Art Vor-Punk“ aber
bereits ausgeführt: roh, ungeschminkt, ohne Konzessionen an jenen „guten Geschmack“,
der bürgerliche Kunst auszeichnet (oder auszeichnen sollte). Auch dieser Kritiker zeigt so
gut wie kein Interesse an interdisziplinären neuen Kunstformen aus Westberlin. Wie fast
alle Kunstkritiker vor Ort ist er den Traditionen des Berliner Realismus verpflichtet. Seine
Kritik in „Punk als Malerei“ zielt denn auch hauptsächlich auf die mangelnde
professionell-malerische Reife des HdK-Schülers. Dabei stellt Heinz Ohff das Bild Punk-
Pärchen in den Mittelpunkt seiner Kritik, um die „Unausgereiftheit“ wortwörtlich zu
demonstrieren. Während der Mann von Kopf bis Fuß malerisch ausgeführt sei, seien von
der Frau nur Kopf und Oberkörper skizziert – für Heinz Ohff „skizziert von Peter Schmidt
und mangels Geduld des weiblichen Modells nicht zu Ende geführt.“ Das klingt sehr
komisch – besonders im oft recht humorfrei-biederen Tagesspiegel jener Zeit. Tatsächlich
öffnet Heinz Ohff hier unversehens einen Frischluftkorridor, eine Alternative jenseits der
Tradition des Berliner Realismus. Ein Akt muss ja nicht unbedingt die Treppe hinab- oder
heraufsteigen, um eine Richtungsänderung in der Kunstgeschichte zu verursachen. Das
Modell des Malers könnte auch einfach die Sitzung abbrechen und aus dem Bild gehen
und damit den ihm zugewiesenen Platz verlassen: als selbstbestimmtes, emanzipiertes
Modell, welches die eigene Position gegen die Interessen des Künstlers abwägt und daraus
entsprechende Konsequenzen zieht.

Ungeduld
Das Modell, das die Sitzung mit dem Maler Peter Schmidt vorzeitig abbrach, konnte im
Laufe der Recherchen für das vorliegende Buch ermittelt werden. Es heißt mit
bürgerlichem Namen Betti Moser und ist gebürtige Westberlinerin. Heute lebt sie als
Übersetzerin in Nordengland. Tatsächlich hatte sie, wie sie heute sagt, damals keine Lust,
lange bewegungslos zu verharren. Betti Moser gehört zur ersten Generation junger
Westberliner Punks um 1978, die bis 1980 zwei- bis dreihundert Personen umfasst. Nun
gestalten die Punks sich selbst, ihre Kleidung und ihren Körper selber. Sie sind quasi ihr
eigenes Kunstwerk und dessen Schöpfer zugleich. Sie wandeln auf den Spuren der
„Lebenden Bilder“ aus der Goethezeit – nur eben individualisiert, bewegt und atomisiert.
Daraus erklärt sich auch das Misstrauen gegen die Anwesenheit von Künstlern in
Punklokalen – Künstlern, die in einer künstlerischen Mission wahrgenommen werden
wollen. Warum sollte ein lebendes, selbstständiges Kunstwerk Interesse zeigen, an seiner
eigenen Nachbildung in Form von Flachware mitzuwirken?
In den von Rainer Fetting gemalten neoexpressiven Punks erkennt sich kaum ein Punk
wieder – dafür vermutlich aber die Anhänger des deutschen Expressionismus, auf der
Suche nach der lang ersehnten zeitgenössischen Fortsetzung. Gemalte Punks wirken wie
Rockstars, die Punkposen imitieren. Punks in Acrylfarben sehen ungefähr so aus, wie sich
die Musik von Spliff, Interzone, TEMPO oder PVC anhört.
Dank ihres akribisch geführten Tagebuchs kann Betti Moser Ort und Tag rekonstruieren,
an dem sie das Modellstehen abbrach und zum unvollendeten Künstlermodell wurde: „23.
September 1978 – Fete bei Martin. Der andere Typ auf dem Bild hieß übrigens Herbert. Er
war zu Punkhouse-Zeiten mit in der Clique mit Chris und Mario Huth. Die Fete fand in
einer Ladenwohnung oder einer Galerie statt – das war irgendwo in der Nähe des
Kaiserdamms in Charlottenburg.“