Meine Damen und Herren,
Blumen und Totenköpfe gehören seit der Stilllebenmalerei des 17. Jahrhunderts zum festen ikonografischen Repertoire. Die Blüte, im Moment ihrer größten Pracht bereits dem Verfall geweiht, und der Schädel als unmittelbares memento mori bildeten ein Motivpaar, das die Endlichkeit in die Bildform zwang. Die Ausstellung mit Peter Schlangenbader übernimmt dieses klassische Vokabular, verschiebt es aber programmatisch: In dieser Ausstellung „Ich und Überich, Wirkmacht mit Blumen und Totenköpfen“ tritt den beiden historischen Sinnbildern ein drittes, ebenso vergängliches Motiv zur Seite, das Ich selbst, in Körper und Geist.
Damit verlässt Schlangenbader die klassische Konstellation, in der der Mensch dem Stillleben lediglich als Betrachter gegenübersteht, und macht ihn zum dritten Gegenstand der Betrachtung. Der Ausstellungstitel zitiert unübersehbar das Freud’sche Instanzenmodell Es, Ich, Überich. Bemerkenswert ist, was fehlt: Das Es, der Sitz des Triebhaften und Unbewussten, wird im Titel ausgespart. Diese Auslassung ist kaum als Zufall zu lesen. Sie verlagert das Triebhafte aus der begrifflichen Benennung in die Bildebene selbst, in die expressive Farbigkeit, die die Gestik der Pinselführung, in die kompositorische Zuspitzung der Malerei. Was der Titel dem Diskurs entzieht, gibt die Leinwand zurück.

Hier setzt der Begriff der Wirkmacht an. In der kunstwissenschaftlichen Bildtheorie, Horst Bredekamps Konzept des Bildakts, wird dem Bild eine eigene Handlungsfähigkeit zugesprochen: Es wirkt nicht nur als Träger einer Bedeutung, sondern greift unmittelbar auf den Betrachter über, ruft eine leibliche, affektive Reaktion hervor, bevor die Deutung einsetzt. Aby Warburgs Begriff der Pathosformel beschreibt wie sich gesteigerte affektive Ausdruckshaltung in wiederkehrenden Bildformeln verdichtet und über Epochen hinweg ihre Err egungskraft behält. Hans Ulrich Gumbrechts Präsenzeffekte benennen jene Qualität von Kunstwerken, unmittelbar, körperlich, vor jeder Interpretation zu wirken. Schlangenbaders Bilder operieren in genau diesem Register, sie ergreifen unmittelbar.
Diese Wirkmacht entsteht bei Schlangenbader aus einem spezifischen Widerspruch. Die Tradition ist ihrem Wesen nach memento-mori-haft, auf Ermahnung und Kontemplation der Vergänglichkeit angelegt. Schlangenbaders expressionistische Farbigkeit unterläuft diese Grundstimmung. Aus der Gleichzeitigkeit von Wirkmacht und Lebenslust, aus der Spannung zwischen dem Bildgegenstand und der Vitalität seiner Malerei, gewinnt das Werk seine Eindringlichkeit.
Diese Position lässt sich kunsthistorisch verorten. Peter Schlangenbader, 1953 in Berlin geboren, absolvierte zunächst von 1972 bis 1975 eine Ausbildung zum Porzellanmaler an der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin, bevor er von 1976 bis 1982 an der Hochschule der Künste, heute Universität der Künste, freie Malerei studierte und bei Martin Engelman Meisterschüler wurde. Sein „Coming-Out“ als Vertreter der Berliner Heftigen Malerei fällt in die frühen achtziger Jahre, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Szene der Neuen Wilden um Rainer Fetting, Helmut Middendorf, Elvira Bach, Karl Horst Hödicke, Bernd Zimmer und Walter Stöhrer, jener Gruppierung, die als letztes international rezipiertes Aushängeschild dieser Berliner Strömung gelten kann. Der Kritiker Heinz Ohff bezeichnete Schlangenbader treffend als „Punkmaler“, ein Begriff, der die unmittelbare, unakademische Direktheit seines Zugriffs auf die Leinwand benennt.
Seit vier Jahrzehnten arbeitet Schlangenbader in Friedenau, im ehemaligen Wohnhaus des Expressionisten Karl Schmidt-Rottluff, eine biografische Koinzidenz, die sich als stille, aber nicht unpassende Kontinuitätslinie zur expressionistischen Farbtradition lesen lässt. Mit mehr als zweihundert Einzel- und Gruppenausstellungen seit 1979 zählt er zu den kontinuierlichsten Vertretern dieser Berliner Malerlinie, deren Grundhaltung, die kompromisslose, expressive Farbgebung, sich durch sein gesamtes Werk zieht.
„Ich und Überich“ führt diese Haltung konsequent fort. Die Ausstellung versteht sich weniger als klassische Werkschau denn als Ort der Begegnung, ein Rahmen, in dem sich Betrachter und Bild im Sinne der beschriebenen Wirkmacht tatsächlich treffen, statt einander nur gegenüberzustehen. Blumen und Totenköpfe, historisch eingerahmt, und das ebenso vergängliche Ich, ergeben zusammen keine Belehrung über die Endlichkeit, sondern deren lebensbejahende Anschauung.
Ich wünsche Ihnen einen Abend, an dem die Bilder genau das tun, was ihnen hier zugeschrieben wird: dass sie uns ergreifen, berühren, empowern.
Vielen Dank.